Michelsberger Kultur
Zentrale Orte - kleine Weiler
Die Michelsberger Kultur, vermutlich zwischen 4400 und 4200 v. Chr. im Pariser Becken entstanden, entfaltete an der Wende vom 5. zum 4. Jt. v. Chr. Expansionstendenzen. Ihr Charakteristikum sind Grabenwerke, die einen Innenraum ganz oder teilweise umschließen oder eine spornartige Hochfläche, gelegentlich auch die Mäanderschlinge eines Flusses, abriegeln. Die Innenflächen waren 0,25 bis 100 ha groß, allerdings waren mehr als 10 ha selten. Die Gräben, bis 10 m breit und 3 m tief, wurden in regelmäßigen Abständen von Erdbrücken bzw. Zugängen unterbrochen und durch Palisaden mit Erdanschüttungen verstärkt.

Neue Erkenntnisse über diese Anlagen konnten in den letzten Jahren bei großflächigen Ausgrabungen im Raum Heilbronn und Karlsruhe gewonnen werden. Hiermit und durch Untersuchungen in Frankreich waren Probleme aufgeworfen, denen das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg 1997 ein internationales Kolloquium in Hemmenhofen widmete.

Nach eingehender Diskussion der Tagungsergebnisse kommen die Autoren zu dem Schluss, es sei erst ansatzweise zu verstehen, wie es den Gruppen der Michelsberger Kultur gelingen konnte, in der Mitte Europas eine fast tausendjährige Kulturtradition zu begründen, im Kontakt mit Nachbarn zu behaupten, teilweise sogar außerhalb des Kerngebietes durchzusetzen und schließlich auch regionale Besonderheiten auszubilden. Wahrscheinlich habe Kommunikation im weitesten Sinne zur Ausbreitung dessen beigetragen, was der Archäologe aus materiellen Resten als »Michelsberger Kultur« erschließt.

Ob diese mit einem Stamm oder einer Sprachgruppe gleichgesetzt werden dürfe oder sich aus einer Vielzahl ethnischer Einheiten und Sprachgruppen zusammensetzte, müsse unvoreingenommen diskutiert werden. Lange habe die ideologische Überfrachtung archäologischer Quellen mit völkisch-rassistischem Gedankengut dunkle Schatten auf diesen Fragenkomplex geworfen. Ein Blick auf heutige Bevölkerungsgruppen mit steinzeitlichem Kulturmilieu in Zentralafrika oder im Amazonasgebiet verbiete vorschnelle Schlüsse; schließlich würden dort westliche Industrieprodukte nur in seltenen Fällen von europäischen oder nordamerikanischen »Invasoren« verbreitet. Kulturelle Expansion könne durch Tausch-, Handels- und Heiratsbeziehungen, die Weitergabe von Prestigegütern, durch Missionierung und freiwillige Adaptation neuer Lebensformen erfolgen. Dennoch seien »Bevölkerungsverschiebungen« wie die historische »Völkerwanderung« prinzipiell nicht auszuschließen. In diesen Punkten stehe die Erforschung der Michelsberger Kultur aber noch ganz am Anfang.


Abbildung: Fundplätze der Michelsberger Kultur

Abbildung: Fundplätze der Michelsberger Kultur
Die Michelsberger Kultur war in ihrer älteren Phase vom Pariser Becken bis in die deutsche Mittelgebirgszone verbreitet, später expandierte sie vor allem nach Süden. Die wichtigsten Fundplätze und die Nachbarkulturen sind schematisch eingezeichnet.
(H. Schlichtherle und M. Strobel)